Blogserie wirtschaft.neu.denken von Richard König

Think global – act local. Dieser Spruch war zu Beginn der Globalisierung vor der Jahrtausendwende in aller Munde. Er reduziert die Globalisierungsstrategie internationaler Player auf einen kurzen selbsterklärenden Satz. Jedoch haben sich nach der Jahrtausendwende, getrieben unter anderem durch das Internet und die zunehmende Globalisierung, die Parameter etwas verändert. Versuchte man früher eine globale Strategie aufzubauen, um diese auf lokale Gegebenheiten angepasst umzusetzen, so begegnen uns heute immer mehr globale Produkte und Konzepte, die uns suggerieren, das die Welt ein Dorf ist. Das Marketing und die Ansprache der Kunden erfolgt möglichst mit regionalem Bezug, die Produkte kommen jedoch aus der international optimierten Massenproduktion, mit allen Vor- und Nachteilen.

Bio-Lebensmittel sind teuer und muss man sich auch leisten können! Ist doch ohnehin kein Unterschied zu normalen Lebensmittel! Ist alles nur Geschäftemacherei! Lokal bei Bauern und Ab-Hof-Läden funktioniert nicht, da der Zeitaufwand zu groß ist! Die großen Supermarktketten bieten mittlerweile auch alles in Bio. Eine komplette Umstellung auf Bio-Qualität oder Nahversorgung ist in der Realität gar nicht machbar! Produkte von lokalen Händlern kommen aus den gleichen Fabriken, wie die von globalen Konzernen. Ich habe keine Zeit mich damit zu beschäftigen.

Diese oder ähnliche Glaubensgrundsätze begegnen einem täglich. Dabei spielen bei sehr vielen Menschen Werte wie Nachhaltigkeit, Umweltschutz oder Ethik beim Einkauf und im persönlichen Lebensstil zunehmend eine große Rolle. Aber natürlich spielt auch der Preis oder die Convenience beim Einkauf eine wesentliche Rolle. Die Zeit ist rar in diesen Zeiten und vor allem „Zeit ist Geld“.

Warum aber sollten wir unsere täglichen Kaufentscheidungen, die so automatisiert ablaufen wie unsere Morgenhygiene, immer wieder bewusst hinterfragen? Die Antwort ist ganz einfach: Die Welt ist nicht schwarz/weiß und es gibt täglich zahlreiche Möglichkeiten Entscheidungen zu treffen, die für einen selbst, seine Familie, der Natur oder die Erde nachhaltiger sind. Es geht nicht darum alles umzustellen und ab sofort alles beim Bauernhof oder lokalen Geschäften zu kaufen. Es geht auch nicht darum seinen Job aufzugeben, um sich zum mündigen nachhaltigen Konsumenten zu entwickeln. Es geht einfach darum einmal pro Tag Stopp zu sagen und sich zu fragen, wie man als Konsument die Welt verändern kann.

Unsere Kaufentscheidungen haben die Konzerne groß gemacht und nicht unsere Politiker. Diese haben lediglich, meist getrieben durch Lobbyismus, die Rahmenbedingungen geschaffen. Internationale Konzerne sind mittlerweile so groß oder gar größer als so manche Staaten und haben enorme Macht. Viele haben schon mehr Macht wie so manche Länder. Und diese Macht müssen sie verteidigen… mit aller Macht. Um der Arbeitsplätze willen… wenn da nicht die Shareholder wären, die nur einen Kurs akzeptieren. Wenn sie Konsumgüter produzieren benötigen sie derart große Mengen an Rohstoffen und effiziente Produktionsverfahren, die nur mit Massenproduktion machbar sind. Diese globalen Player werden immer größer, sodass sie (oder ihre Shareholder) beginnen ihre Investitionen per Gesetze oder mittlerweile bei Lebensmittel sogar mit Patenten zu schützen. Die Diskussion um das Freihandelsabkommen TTIP ist da ein gutes Beispiel. Eine weitere Verlagerung der Macht weg von der politischen regionalen Gesetzgebung hin zu internationalen kapitalorientierten Schiedsgerichten. Hier macht sich in vielen Fällen Politikverdrossenheit breit und wir hoffen, dass die Politiker, die wir wählen, die richtigen Entscheidungen treffen. Und natürlich ist es bequem auf die Politik zu hoffen oder deren Vertreter gar zu beschimpfen. Dabei vergessen wir, dass unsere täglichen Kaufentscheidungen in Summe um vieles mächtiger sind als die Wahl in der Wahlzelle. Denn nur wir haben diese Konzerne groß gemacht – die Guten und auch die weniger Guten… Und in unserer Kaufentscheidung liegt auch die Macht etwas zu verändern.

Wir können im Supermarkt das Herkunftsland lesen oder auch nicht. Wir können entscheiden, ob wir saisonales Obst und Gemüse kaufen oder nicht. Wir können am Heimweg beim Bio-Laden, beim Ab-Hof-Verkauf, beim Bauernhof vorbeifahren und Eier, Kartoffel oder das Brot aus der Region kaufen. Wir können uns auch beim immer beliebter werdenden Online-Shopping für die Shops heimischer Betriebe entscheiden, die hier auch ihre Steuern bezahlen, anstatt auf ein paar Sekunden mehr Convenience oder Bequemlichkeit zu setzen und beim globalen Internetplayer zu kaufen, die in unserem Land noch keinen Cent Steuern bezahlt haben und trotzdem unsere Straßen benutzen. Die Straßen der globalen Player führen zu oft in Länder wie Panama, die Cayman Islands oder Luxemburg. Wir können uns auch für den Fußweg oder öffentliche Verkehrsmittel entscheiden, anstatt mit dem Auto zu fahren. Oder wir pflanzen selbst Gemüse oder Kräuter an, ganz egal ob im eigenen Hochbeet, auf der Terrasse oder nur am Fensterbrett.

Was die Japaner unter KAIZEN verstehen, können wir täglich ein kleines bisschen anwenden. Das Streben nach ständiger Verbesserung. Keine Aufgabe des bestehenden Lebensstils, sondern kleine und wirksame Verbesserungen. Wenn jeder von uns jährlich nur 10 Prozent regionaler, nachhaltiger und umweltbewusster einkauft, dann würde das über die nächsten Jahre eine radikale Veränderung bringen. Unternehmen, kleine wie große, müssten sich noch intensiver auf ein neues Konsumverhalten einstellen und ihre Strategie adaptieren. Würden die Menschen beispielsweise nur mehr bei Unternehmen Produkte kaufen, die bei uns auch ihre Steuern zahlen, würden sich die Unternehmen schnell wandeln. Denn Unternehmensgewinne kann man nur durch hohe Einnahmen in Steueroasen verstecken. Sie müssten sich an uns anpassen – wieder einmal – jedoch diesmal zugunsten einer moralischen und nachhaltigen Wirtschaft. Die Entscheidung liegt bei uns, in dem wir unsere Gewohnheiten adaptieren und damit Tag für Tag die Welt zu einem besseren Ort machen.

Think smart & local sollte unsere neue Kampfansage sein.